Pest – Lebendige Geschichte im Osten von Ungarns Hauptstadt
Als historisch interessierter Reisender kann man in Budapest schnell einen folgenschweren Fehler begehen – und zu viel kostbare Urlaubszeit mit dem falschen Stadtteil verschwenden.
Denn das Burgenviertel im alten Stadtteil Buda hat auf den ersten Blick viel zu bieten. Dazu gehört natürlich die Burg, ein riesiger, verschachtelter Komplex aus Mauern und Festungselementen. Wie die meisten historischen Gebäude der Stadt vereinigt die Burg verschiedenste Architekturstile. Ein extremes Beispiel für diesen Eklektizismus ist die Matthiaskirche. Hier hat der ungarische Architekt Frigyes Schulek seine Restaurationswut ausgelebt, als er die Kirche im ursprünglich gotischen Stil wieder erstehen lassen wollte und dafür alle Elemente des barocken Wiederaufbaus übertünchen und 'fetzige' bunte Dachziegeln anbringen ließ. Gleich nebenan befindet sich die ebenfalls von Schulek entworfene Fischereibastei, die aussieht, als wäre sie einem auf mittelalterlich getrimmten tschechischen Märchenfilm entsprungen. Kein Wunder, dass sie im Disneyland in Florida originalgetreu nachgebaut wurde.
Ansonsten sind die Gassen und Plätze auf dem Burgberg allerdings kaum sehenswert. Die Bausubstanz ist teilweise in einem schlimmen Zustand, das ganze Viertel wirkt wie ausgestorben.
Nach drei Tagen in Buda stand die Erkenntnis: Wir haben den falschen Stadtteil besichtigt. Denn wer an der lebendigen Metropole Budapest interessiert ist, wer keinen Blick in eine verstaubte und lieblos aufbereitete Vergangenheit werfen will, sondern eintauchen möchte in eine pulsierende Großstadt, die bei jedem Schritt Geschichte ausatmet, der sollte jene Schritte zum östlichen Donau-Ufer, nach Pest, wenden.
Auch hier bröckelt so manche Fassade. Doch im Gegensatz zu Buda, ist Pest alles andere als tot. Hier stößt man endlich auf die viel gerühmte ungarische Kaffeehauskultur. Fast an jeder Ecke lädt eines der unzähligen Kaffeehäuser zum verweilen ein – ob edel und prachtvoll wie das furchtbar teure „New York“, oder klein und gemütlich wie das schmucke Müvész Cukrászda.
Diese Cafés sind ideal geeignet, um den geschwollenen Füßen nach einer stundenlangen Stadtbesichtigung die wohlverdiente Pause zu gönnen. Bei einer Tasse Kaffee und einem guten Buch kann man auf bequemen Sofas sehr gut die ein oder andere Stunde entspannen.
Feinschmecker kommen hier ganz auf ihre Kosten, denn zum Kaffee werden häufig hauseigene Gebäckspezialitäten gereicht. Aber Vorsicht: Die ungarischen Desserts haben es in sich, und einen allzu großen Appetit bereut man schnell mit einer akuten Überzuckerung und stundenlangem Völlegefühl.
Doch nicht nur der Magen, auch die Augen werden in Pest zum Schlemmen eingeladen. An den großen Hauptstraßen wie der Andrássy utca reiht sich Palais an Palais. Museen, Opern und Theater an jeder Ecke und dazwischen die traditionsreichen Kaffeehäuser mit ihrem grandiosen Kuchenangebot. Mittendrin das Városliget, das Stadtwäldchen, mit einer imposanten architektonischen Skurrilität im Herzen: die Dekoburg Vajdahunyad. Der bizarre Prachtbau aus verschiedensten Stilelementen ist gerade einmal 100 Jahre alt und bestand ursprünglich aus Pappmaché – gebastelt für die Feier zum 1000-jährigen Jubiläum Budapests. Aber die Bürger waren so begeistert von der Märchenburg, dass sie 1904 aus Stein nachgebaut wurde.
Derartige Geschichten gibt es unzählige zu erzählen über die Stadt an der Donau. Viel interessanter und spaßiger, als darüber zu lesen, ist es jedoch, sie selbst zu erkunden. (Buda)Pest ist definitiv eine Reise wert – mindestens eine.
