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Die Altstadt von Sopron

Die Altstadt ist ein ebenso sehenswertes wie spannendes Spiegelbild der wechselvollen Geschichte Soprons. In der Universitätsstadt im Nordwesten Ungarns, deren Areal größtenteils nach Österreich hineinragt, begegnen sich Vergangenheit und Gegenwart auf besonders beeindruckende Weise. Es heißt, außer der Metropole Budapest habe keine ungarische Stadt mehr Baudenkmäler zu bieten als Sopron oder Ödenburg, wie die alte deutsche Bezeichnung lautet. Der Denkmalschutz wird sehr ernst genommen und gilt als vorbildlich.


Enge Gassen und weite Plätze, prächtige Profanbauten und kostbar ausgestattete Kirchen, steinerne Skulpturen und Brunnen prägen das Bild der belebten Altstadt. Im Mittelalter von massiven Mauern und Burggräben umgeben, ist das historische „Herz“ heute ungehindert zugänglich. Reste der Stadtmauer sind allerdings stellenweise erhalten und erinnern an Zeiten, als die ehemals römische Siedlung (Skarbantia) zum Schutz gegen feindliche Mächte rundum mit einem Festungssystem versehen war.

Reichhaltige Kunst- und Kulturgeschichte

Der sorgsam bewahrte Stadtkern besticht nicht nur durch viele Beispiele hoher Baukunst verschiedenster Epochen, dominiert von den Architekturstilen der Gotik und des Barocks. Gerade hier zeigt sich auch, warum Sopron auch „Stadt der Museen“ genannt wird. In etlichen alten Gebäuden wird eine Fülle wertvoller Exponate zur Kunst- und Kulturgeschichte der Stadt und der Region gezeigt. Daneben gibt es eine Reihe themenspezifischer Ausstellungen, etwa im Apotheken- und im Bergbaumuseum.

Die Pflege des reichen Kulturerbes geht mit einem modernen Kulturbetrieb einher, wobei beiderseits besonders die Musik einen hohen Stellenwert genießt. Und dabei ist es in erster Linie der unvergessene Franz Liszt (1811 – 1886), dem gehuldigt wird. Der berühmte Komponist, Dirigent, Pianist und Musikpädagoge wurde nicht weit entfernt in Raiding/Doborjàn geboren, das damals zum ungarischen Kronland Österreichs zählte und heute zum Burgenland gehört.

Liszt-Musik liegt in der Luft

Schon früh hat der Klaviervirtuose in der Stadt Spuren hinterlassen. Wie Mozart als Wunderkind gepriesen, gab Liszt im Alter von nur neun Jahren sein erstes Konzert – in Sopron. In dem 1789 erbauten Gebäude Altes Kasino, das in neuem Glanz erstrahlt, gab der geniale Knabe sogar schon eigene Kompositionen zum Besten. Mehrere umjubelte Auftritte in der Stadt, in der anno 1775 schon Joseph Haydn aufgetreten war, sollten über die Jahrzehnte folgen.

Sopron ließ Liszt die lange Verbundenheit noch zu dessen Lebzeiten spüren, und verlieh ihm die Ehrenbürgerwürde. Das 1873 errichtete Kulturhaus wurde um die Jahrtausendwende aufwendig renoviert und erweitert und trägt seit der (Wieder-)Eröffnung 2002 den Namen Liszt Ferenc Konferenz- und Kulturzentrum. Auch die Straße, in der es steht, ist nach dem Komponisten benannt. Zudem trägt das städtische Symphonieorchester den Namen Franz Liszt – und musiziert ganz Sinne des großen Meisters.

Panoramablick vom Feuerturm

Musik, oft von Liszt, liegt meistens in der Luft, wenn Bürger und Besucher durch das historische Viertel bummeln. Für Gäste, die zumindest einige der zahlreichen Sehenswürdigkeiten genauer betrachten möchten, bietet sich als guter Ausgangspunkt natürlich der Feuerturm an. Das 58 Meter hohe, fast weiße Wahrzeichen der Stadt trägt eine markante Zwiebelkuppel mit einem doppelköpfigen Adler als Spitze. Wer sich die Mühe macht, die rund 200 Stufen der Wendeltreppe zu bewältigen, wird mit einem atemberaubenden Panoramablick belohnt. Der Turm mit dem barocken Rundbalkon basiert auf Mauerresten aus der Römerzeit und wurde nach der verheerenden Feuersbrunst 1676 errichtet. Ein Glockenspiel und seit einigen Jahren auch eine Illumination bei Dunkelheit komplettieren das „Erlebnis“ Feuerturm.

Der Torbogen des Turms entstand 1928 zum Gedenken an eine Entscheidung von zukunftsträchtiger Tragweite. Die Einwohner Soprons bzw. Ödenburgs sowie die acht anderer Gemeinden votierten bei einer Volksabstimmung im Dezember 1921 für die weitere Zugehörigkeit zu Ungarn. Sopron war sogar als Hauptstadt des neuen österreichischen Bundeslandes Burgenland im Gespräch gewesen.

Sopron

Sopron ©iStockphoto/hutale

Gedenken an drei Schicksalsjahre

Nicht nur das „Tor der Treue“ erinnert an das Votum gegen das Nachbarland. Dieses gewichtige Thema versinnbildlicht auch der von Tamás E. Soltra entworfene Zierbrunnen, der seit 2003 am Várkerület-Platz steht. Auf ihm ragen drei schlanke Figuren empor. Die Bronzestatuen halten das Gedenken an einschneidende Ereignisse in der Geschichte Soprons aufrecht: Die Verleihung der (Frei-) Stadtrechte im Jahre 1277 durch König Ladislaus IV., besagte Volksabstimmung nach dem Ersten Weltkrieg sowie das sogenannte Paneuropäische Picknick im Schicksalsjahr 1989.

Am 19. August 1989 gab es bei Sopronpuszta den ersten Grenzdurchgang; 661 Bürger der damaligen DDR gelangten nach Österreich. Es war der europaweit gefeierte Anfang des Endes des Eisernen Vorhangs. Ein Stück davon hält die Frauenfigur in der Hand, die als Symbol der Freiheit zum Skulpturentrio auf dem Brunnen gehört.

Barockes Eckhaus mit auffälligem Erker

Will der Besucher die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt „abhaken“, kommt er am Storno-Haus und am Fabricius-Haus nicht vorbei, die beide am Hauptplatz Fö tér prangen und überwiegend Ausstellungszwecken dienen. Mit dem Bau des zweistöckigen Storno-Hauses, eines ausladenden Eckgebäudes, wurde bereits im 15. Jahrhundert begonnen. Es beherbergte damals schon die erste Apotheke der Stadt, „Zum Schwarzen Elefanten“. Nach mehrfachem Besitzerwechsel wurde es im 18. Jahrhundert zu einem prachtvollen Wohnhaus im Barockstil vollendet. Auffallend ist unter anderem der über beide Etagen reichende, üppig verzierte Erker.

Namensgeber war die aus dem schweizerischen Tessin stammende Familie Storno, die das Gebäude 1872 erwarb. Ferenc Storno d.Ä. war nicht nur Kaminkehrer, sondern auch ein renommierter Maler und Restaurator. Ihm ist beispielsweise die kunstvolle Instandsetzung des Innenraums der St. Michaelis-Kirche zu verdanken, die 1278 erstmals urkundlich erwähnt wurde und am höchsten Punkt der Stadt steht. Im Storno-Haus ist die umfangreiche Sammlung an Möbeln, Porzellan und Glasobjekten zu sehen, die die Künstlerfamilie zusammengetragen hat. Außerdem befindet sich darin eine große Ausstellung zur Regionalgeschichte.

Steinerne Relikte aus der Römerzeit

Der Bürgermeister und Stadtrichter Endre Fabricius kaufte das gleichnamige Haus 1806. Es ist in Teilen jedoch wesentlich älter. Im Zuge von Sanierungsarbeiten wurden Überreste eines römischen Bades entdeckt. Im mittelalterlichen Souterrain des mit Säulengang und Arkaden geschmückten Gebäudes befindet sich ein Lapidarium mit vielerlei steinernen Relikten aus der Römerzeit, etwa Urnen, Sarkophagen und Grabskulpturen. Zu sehen sind auch die Marmorstandbilder Jupiter, Minerva und Juno, die ehemals auf dem Forum von Skarbantia thronten. Das Fabricius-Haus enthält darüber hinaus die vor allem mit archäologischen Funden bestückte Ausstellung „3000 Jahre an der Bernsteinstraße“ sowie eine Mustereinrichtung der bürgerlichen Wohnkultur des 17. und 18. Jahrhunderts.

Wo am Hauptplatz bis 1893 einige weitere Barockgebäude standen, wurde durch Abriss Platz geschaffen für das heutige Rathaus. Es wurde 1896, pünktlich zum „magyarischen Millennium“, im damals beliebten Stil des Eklektizismus errichtet. Die Fassade bestimmen Arkaden, hohe Rundbogenfenster, Ecktürme und kleiner Stufengiebel. Im „Regierungsgebäude“ ist zeitweise eine Bibliothek zugänglich, die über 15 000 Bände und mehrere Tausend mittelalterliche Dokument umfasst.

Behörden in klassizistischem Gebäude

Einige Behörden der Stadt sind im Komitatshaus untergebracht. Das klassizistische Gebäude ermöglicht durch die von Säulen gestützte Vorhalle und den Innenhof, an Teilen der alten Stadtmauer entlang, einen Durchgang zum nächsten Gebäudekomplex der Kernstadt. Eine wesentlich längere Geschichte hat das Césár-Haus, dessen einstöckiges Ursprungsgebäude schon im Mittelalter entstand und später in den aufgestockten Barockbau integriert wurde. Durch das breite Tor gelangt man in die besonders von Touristen frequentierte, urige Weinstube Césár. In der ersten Etage lohnt sich für Kunstinteressierte der Besuch der Dauerausstellung, die dem einheimischen Maler Joszef Horvath gewidmet ist.

Als einer der bedeutendsten Sakralbauten der Stadt Sopron gilt die Benediktinerkirche, die im Volksmund auch Ziegen- oder Geißkirche genannt wird. Ehemals im Besitz de Franziskanerordens, ging das im 13. Jahrhundert erbaute Gotteshaus etwa 400 Jahre später in Benediktiner- Besitz über. Zum Gebäudekomplex im dominierenden Stil der Gotik, angereichert durch später zugefügte barocke Elemente, gehören auch Kapitelsaal und Kloster.

Domkirche mit bedeutender Orgel

Die übers 600 Jahre alte, mehrfach umgebaute Domkirche St. Georg fügt sich beinahe nahtlos in eine historische Häuserzeile ein. Von außen eher unscheinbar, offenbart die Pfarrkirche gleich beim Betreten ihre prachtvolle Innenausstattung. Die 1633 installierte Orgel soll nicht nur die älteste in Ungarn sein, sondern sogar die älteste Kirchenorgel im mittleren Europa, die noch funktionstüchtig ist.

Die Alte Synagoge liegt an der Új utca, der Neugasse. Die ersten jüdischen Familien bauten im beginnenden 14. Jahrhundert diese Synagoge, die ebenfalls einzigartig in Mitteleuropa sein soll und zunächst als Gebetshaus, Versammlungsstätte und Schule in einem diente. Vom Eingang führt ein Gang in den großen Saal, dessen Hauptportal mit einer dreieckigen Giebelfläche (Tympanon) versehen ist. Nach der Vertreibung der jüdischen Bürger um 1525 verfiel die Synagoge immer mehr. Später zuu Wohnzwecken umgebaut, wurde das Gebäude in den 1960er Jahren freigelegt und wieder hergestellt.

Lebhaftes historisches Zentrum

Die heute rund 60 000 Einwohner zählende Stadt Sopron, die deutlich näher an Wien (60 Kilometer) als an Budapest (220) liegt, verfügt über so viele Baudenkmäler, dass unmöglich ist, sie hier alle zu beschreiben, ja, sie auch nur vollständig aufzulisten. Jedes für sich sehenswert und mit einer interessanten Geschichte im Hintergrund, meistenteils auch genutzt, machen sie in ihrer Gesamtheit das einmalige Ambiente der Altstadt aus. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Zeit im historischen Zentrum stehengeblieben ist. Kaufmannschaft, Kulturschaffende und Gastronomie sorgen für zeitgemäßen (Hoch-)Betrieb. Gastfreundschaft wird traditionell groß geschrieben, es geht überall lebhaft zu.

Abschließend noch stichwortartig eine Sehenswürdigkeiten: Profanbauten: Gambrinus-Haus (diente bis ins 15. Jahrhundert als Rathaus); Theater Petöfi (Stammhaus 1840 erbaut, 1909 neues Foyer und Treppenhaus im Jugendstil vor die alte Fassade gesetzt); Post-Palast (Gebäude und Inneneinrichtung im Sezessionsstil), Kossow-Haus (Bürgerhaus im Barockstil mit Fundament aus dem Mittelalter, heute Weinlokal „Heilgrube“); Bezerédj-Palais (barockes Wohnhaus, benannt nach dem Begründer der ungarischen Seidenraupenzucht); ehemaliges K.u.K. Officierstöchter-Erziehungsinstitut (momumentales Gebäude im Historismus-Stil).

Sakralbauten: St. Judas Thaddäus (ehemalige Dominikaner-Kirche, 1719 – 1725 im Barock-Stil erbaut); Heiliggeist-Kirche (Westfassade und Turm Anfang 15. Jahrhundert errichtet); Herz-Jesu-Kirche (1887 geweiht); Ursulinenkirche (1864 mit Ordenshaus und Schule fertiggestellt, umfangreiche Sammlung römisch-katholischer Kunstgegenstände).